Kunstkrim(i) – Mutmaßliche Plünderung in Cherson: Kein Lesetipp

In den vergangenen Tagen sollen bewaffnete Personen das Oleksiy Shovkunenko Cherson Art Museum in einer mehrtägigen Aktion ausgeräumt und Kunstgegenstände verbracht haben – zu einem nicht bekannten Ort. Nach Angaben der Augenzeugen seien die Bilder nicht ordnungsgemäß transportfertig gemacht worden. Eine Evakuierung eigener Art sagen manche.

Historische Vorbilder – Falsche Götzen

Vorgänge wie diese sind in der langen Geschichte von Kunstraub und Plünderungen leider viel zu häufig geschehen. So kursiert etwa die Erzählung, Napoleon Bonaparte habe aus dem besetzten Italien reihenweise römische Skulpturen auf Pferdewagen verfrachten lassen, was dazu führte, dass in einigen Fällen Arme, Beine und Häupter abgebrochen sind.

Doch wie Napoleon schon sagte: „Hand auf’s Herz“: Carrara-Marmor gehört nicht auf die Carrera-Bahn. Trost spendet einzig, dass Deutschland seinen Pferdewagen wiederbekommen hat und der wieder auf dem Brandenburger Tor steht. Im Nachhinein hat sich die Weisheit nicht bewahrheitet, dass solche Sachen schnell Beine bekommen. Auch gut, dass die Benin-Bronzen wieder zu Hause sind. Nicht ohne Grund heißen sie Benin-Bronzen und nicht Berlin-Bronzen.

Zurück zu den Geschehnissen unserer Zeit: Im ukrainischen Cherson sollen in den letzten Tagen die Gebeine des Fürsten Potemkin aus der St.- Katharinen-Kathedrale entwendet worden sein. Das erinnert an einen schlechten Film – aus 1925.

Beutekunst – Ein Mittel militärischer und kultureller Dominanz

Kunst- und Kulturgüter zu verbringen, kann verschiedene Beweggründe haben: Sei es die Kriegskasse aufzubessern, eigene kriegsbedingte Verluste in Schlössern oder Museen aufzufüllen oder schlicht Mitbringsel von einem Feldzug zu haben. Bismarck hätte bestimmt gerne den Eiffelturm mitgenommen.

Bei anderen Konflikten ging es darum, die Vormachtstellung der eigenen Kultur dadurch zu zeigen, dass architektonische Bestandteile aus Bauwerken des Besiegten verbracht wurden und in einem eigenen Monument als Zeichen des eigenen Herrschaftsanspruchs verbaut wurden – etwa die Spolien, die Karl der Große aus Ravenna und Rom nach Aachen bringen und dort im Dom verbauen ließ. In diesem Fall ging es darum, an eine kulturelle Identität, der des Römischen Weltreiches, anzuknüpfen. In anderen Fällen ist das Ziel der Ikonoklasmus, denn Kulturgüter können kulturelle Identität symbolisieren.

Kunstraub ist nicht mehr „state of the art“

Längst ist der Kunstraub verpönt, spätestens seit der Haager Landkriegsordnung. Völkerrechtliche Instrumentarien, die eine illegale Verbringung gerade in Konfliktzeiten effektiv verhindert, gibt es indes nicht. Eines ist aber gewiss: Die Zerstörung fremder Städte und Kulturen als probates Mittel, potenzielle Gegner auszuschalten, ist bei den meisten Staaten dieser Erde keine Option. Die Catos der Welt werden zum Glück weniger. Karthago wäre eine Reise wert gewesen.


Posted

in

by

Tags:

Comments

Hinterlasse einen Kommentar