Hammer-Attacke auf die Velázquez-Venus

Wieder ist ein Museum ein Ort des Protests geworden. Diesmal die National Gallery in London. Die Gruppe Just Stop Oil hämmerte (allerdings ohne Sichel) auf ein Velázquez-Gemälde ein. Die Geräuschkulisse des Videos der Gruppe erinnert an die Salve vor „Hier spricht Edgar Wallace“. Ob das Werk mit dem klangvollen Namen „Venus vor dem Spiegel“ beschädigt wurde, ist ungewiss.

Für den kunstbeflissenen Leser und Sammler ist es an sich nichts Ungewöhnliches, dass Gemälde ab und zu unter den Hammer kommen, aber derart werden halberlei keine Zuschläge erteilt.

Historische Vorbilder vor Bildern

Klimaaktivist:innen orientieren sich bei ihrer Aktion nach eigenem Bekunden an der britischen Suffragette Mary Richardson, die das Gemälde 1914 mit einem Beilchen malträtiert hat, auch aus sozio-politischen Gründen. Emmeline Pankhurst wurde tags zuvor verhaftet. Daher wollte Mary das Gemälde der schönsten Frau zerstören. Dabei wissen wir alle, dass die schönste Frau Simonetta Vespucci ist. Tant pis! Für Gemälde sind das jedenfalls schlechte Rahmenbedingungen. Diesmal ging es nicht um Gierkes Tropfen sozialen Öls, sondern um richtiges Öl. Das will die britische Regierung nun vermehrt in der Nordsee schürfen, um den Ölpreis zu senken. Für alle. Viele Tropfen sozialen Öls, könnten manche meinen.

Venus, Vedi, Vici

Die Venus, ein Spätwerk Velázquez, sticht aus seinem Gesamtwerk heraus, da es sich um Diegos einzig bekanntes Aktbild handelt. Und überdies noch eines der wenigen ist, die sich nicht auf dem Kontinent befinden. Bemerkenswert ist, dass Velázquez sich nicht stur an den rund hundert Jahre älteren Venus-Darstellungen von Tizian oder Giorgione orientiert, sondern die Venus zwar liegend-ruhend, aber von hinten inszeniert. Gleichwohl lässt er den Betrachter durch den Spiegel einen Blick auf das Gesicht erhaschen, das im Quecksilberspiegel nur schemenhaft zu sehen ist. Ein Effekt, der in London nur eintritt, wenn man sich vor dem Museumsbesuch mit zwei trockenen Vodka Martinis im Duke’s gestärkt hat.

Alles in allem: Nicht die feine englische Art. Aber Öl auf Leinwand Canvas.

Herzlichst

Ihr Yannick Neuhaus


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Comments

Eine Antwort zu „Hammer-Attacke auf die Velázquez-Venus“

  1. Avatar von Gabelschnabel
    Gabelschnabel

    Eine gelungene kleine Glosse über ein Ereignis, das es in Zeiten informationellen Überflusses sonst wohl noch nicht einmal zur Fußnote im Glossar derjenigen banalen Akte geschafft hätte, die erst beim Blick in den Hohlspiegel ihre wahre Größe abmessen können. „Cum grano salis“ – oder, vielleicht auf den Fall passender: „cum gutta oleo“ – scheint bei einer Betrachtung von Hinten in diesem Bericht auch 2.500 Jahre abendländisch-kultureller Fortschritt chimärenhaft hervor. Denn wenn schon gilt, dass alles, was entsteht, wert sei, dass es zu Grunde geht: ist es da nicht als Fortschritt zu werten, wenn im Kampf um das schönste Frauenzimmer nunmehr nur noch Hämmer geworfen werden, statt dass Äpfel fallen?

    Wenn auch die Wahl dieser Gesellen keine gute Gewesen ist. Um diese Opferauswahl wird nämlich wohl kein trojanischer Krieg entbrennen, da mag die Welt auch noch so sehr in Flammen stehen. Ich werfe den Brüdern und Schwestern, um sozusagen die Brücke zur Moderne zu schlagen, als Dritte – nur als Denkanstoß, wie gesagt: „cum guta oleo“ – bei der Auswahl der schönsten Frau aller Zeiten spontan noch Hedy Lamar in die Runde. Schließlich wird ihr der Satz zugeschrieben, dass jedes Mädchen glamourös sein kann, wenn es nur still stehen und dumm gucken kann. Mit Blick auf unseren Fall durchaus ein Satz mit Weitblick: denn er gilt für Venüsse ganz besonders, wenn sie hohl sind. Und auch eine „regina delle bellezza“ hat es am Ende ja im Wesentlichen auch nur leichtbekleidet in eine schnöde Muschel geschafft. Was sind dagegen die verkannten Leistungen von Hedy, die völlig zu Unrecht nur auf Ihre Erscheinung reduziert wurde, weil es bei ihr am Ende tatsächlich Inhalt gegeben hat, um dessentwillen sie unvergessen bleiben sollte?

    So pflücke man bei „Stop Oil“ – oder vergleichbaren Aktionskünstlern – demnächst deshalb besser eine andere Paradiesfrucht vom Baum der Erkenntnis und entscheide weiser. Aber ach, auch Hedy weilt nicht mehr unter uns, an der können sie sich – glücklicherweise – nicht mehr abarbeiten. Vielleicht sollte man das Hammerwerfen denn auch Entkontextualisieren und einfach denen überlassen, die sich auf dem grünen Gras einfinden, um, in luftigen Karococktailtweedkleidchen gehüllt, durch das Werfen von Zimmermannswerkzeug ausmendeln, wer der Männlichste unter ihnen sei. Allen anderen sei anempfohlen, ihre kriminelle Energie zur Rettung der Welt einzusetzen. Denn der Rest ist, schon qua der eigenen Existenz, ohnehin dem Untergang anheim gegeben, ohne dass man etwas dazu tun muss!

    So verbleibe ich in freudiger Erwartung des nächsten Berichts amüsiert über diese Erzählung zurück – vielen Dank dafür.

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