Alexander der Große und der kleine Unterschied – Eine Posse aus Stendal

Es hätte eine glanzvolle Geschichte sein können: Eine Büste des legendären Alexander des Großen, ausgestellt im beschaulichen Stendal, mit wissenschaftlichem Segen von höchster Stelle. Doch die Geschichte nahm eine Wendung, die eher an eine antike Tragödie erinnert – oder vielleicht doch eher an eine Komödie? Denn was als stolze Ausstellung begann, endete in einem Gelehrtenstreit epischen Ausmaßes, juristischen Querelen und der unvermeidlichen Erkenntnis: Die Bronze war eine Fälschung.

Die Büste, die aus der Zeit fiel

Alles begann, als die fragliche Alexander-Bronze mit viel Pomp in Stendal präsentiert wurde. Eine archäologische Gesellschaft stand hinter der Ausstellung. Die Begeisterung war groß – immerhin handelte es sich, so die Annahme, um ein bedeutendes antikes Kunstwerk.

Dann betrat Stefan Lehmann, Professor für Archäologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die Bühne. Mit geschultem Blick und unbestechlicher Skepsis kam er zu einem häretischen Schluss: Die Bronze sei keine antike Kostbarkeit, sondern eine moderne Fälschung – möglicherweise aus der Werkstatt des berüchtigten „Spanischen Meisters“, eines anonymen Künstlers, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Museen und Sammler mit täuschend echten, aber gänzlich unechten Objekten zu narren.

Von Wissenschaft zur Schlammschlacht

Was folgte, war ein Streit, der in akademischen Kreisen seinesgleichen sucht. Der eine witterte einen Affront, Lehmann ließ sich nicht beirren. Die Debatte verlagerte sich schnell von den wissenschaftlichen Zeitschriften in die juristischen Arenen. Eine Verleumdungsklage gegen Lehmann folgte – immerhin, so vorgetragen, sei seine Reputation beschädigt worden. Doch das Verfahren endete mit einer sogenannten Ehrenerklärung Lehmanns – man einigte sich, das Kriegsbeil zu begraben, wenn auch mit verkniffenem Lächeln.

Zum Zeitpunkt der juristischen Auseinandersetzung galt die Büste jedoch als verschollen. Erst später tauchte sie in einem denkbar unvorteilhaften Umfeld auf: Im liquidierten Kunstlager des berüchtigten Marchant d’Art Robin Symes (Beitrag von Karger vom 12. Mai 2024) – ein Name, der Kennern des illegalen Antikenhandels die Nackenhaare aufstellt. Dieser Umstand verleiht dem Fall eine besondere Wendung, denn Lehmanns Verdacht bestätigte sich nicht nur, sondern die Skulptur wurde obendrein in einem der berüchtigtsten Umschlagplätze für fragwürdige Kunstwerke entdeckt.

Lehmann musste sich jedoch nicht nur juristisch, sondern auch rhetorisch gegen eine bemerkenswerte Attacke zur Wehr setzen. Allerdings holte auch Lehmann mächtig aus, indem er im Zusammenhang mit der Stendaler Ausstellung die Bezeichnung „Waschanstalt“ gebrauchte. Offenbar war es für einige bequemer, die wissenschaftliche Diskussion mit persönlichen Angriffen zu übertönen, als sich der unangenehmen Frage nach der Echtheit der Bronze zu stellen.

Die Rache der Realität

Doch wie es oft so ist, holt die Wirklichkeit irgendwann auch die hartnäckigsten Verfechter ihrer eigenen Wahrheit ein. Die Behörden spürten die Skulptur auf und sie wurde an die griechischen Behörden restituiert. Eine Untersuchung der Bronze? Bis heute ausstehend. Aber es scheint inzwischen allgemeiner Konsens zu sein: Die Stendaler Alexander-Büste war eine geschickte Fälschung.

Nach aktuellen Erkenntnissen wurde die Skulptur, die nun in Griechenland verwahrt wird, weiterhin nicht wissenschaftlich analysiert. Doch an der mutmaßlichen Täuschung bestehen kaum noch Zweifel. Die einstigen Verteidiger der Echtheit sind indes auffällig still geworden.

Der große Markt der großen Namen

Dass eine Fälschung so lange als echt gehandelt wurde, sagt weniger über den kunsthistorischen Scharfsinn als vielmehr über die Mechanismen des Kunstmarktes aus. Gerade der illegale Handel mit Bronze-Skulpturen boomt – nicht zuletzt, weil sich die Provenienz antiker Stücke oft nur schwer nachverfolgen lässt. Reiche Sammler und Investoren interessiert das aber wenig. Für sie zählt nicht der historische Wert, sondern der monetäre. Bronze als Wertanlage – mit oder ohne Alexander.

Der Fall Stendal zeigt eindrucksvoll, wie der Kunstmarkt und seine Akteure oft bereitwillig wegsehen, wenn es um die Herkunft eines Objektes geht. Die Wissenschaft hingegen – oder zumindest ihre hartnäckigeren Vertreter – lässt sich davon nicht beeindrucken. Stefan Lehmann mag damals noch um Anerkennung für seine Expertise gerungen haben, doch heute dürfte er sich bestätigt fühlen.

Und was lernen wir daraus? Selbst die größte Bronze kann rosten – vor allem, wenn sie in Lügen gegossen wurde.

Lassen Sie es sich gut gehen!

Ihr Malte Schmidt


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