Auf schwankenden Beinen

Ein geometrisches Wesen mit Pferdeschwanz sitzt in einem Schaukelstuhl und betrachtet die grüne Leere. Die Arme und Beine sind verschränkt. Der Stuhl windet sich schneckenartig, um schaukeln zu können. Die Komposition wirkt harmonisch. Der Schaffer des Gemäldes gehört zur Haute-Couture der modernen Kunst: Picasso. Programmatik: Kubismus.

Unharmonisch ist der Rechtsstreit, der nun um eben jene Komposition entbrannte.

Im Februar 2023 sollte das Gemälde bei der Haute-Couture des Auktionswesens in London versteigert werden. Sasan Ghandehari und seine Firma BMC (Brewer Management Corporation) – hat nichts mit dem beliebten Hopfengetränk zu tun – gab eine sogennante Garantie ab: Sofern das Gemälde keinen Käufer findet, würde das geometrische Wesen mit Pferdeschwanz für 14,5 Mio. Pfund Sterling durch die BMC gekauft werden. Dabei wurde bereits eine Anzahlung in einem einstelligen Milionnenbetrag getätigt. Klingt zunächst nach einem harmonischen Vertrag.

Doch wie sich herausstellte gehörte das Gemälde zuvor einem weniger-galanten Eigentümer: José Mestre d.Ä.

José Mestre d. Ä. war ein spanischer Unternehmer im Logistik- und Hafenbereich. Im Jahr 2010 wurde er im Zuge strafrechtlicher Ermittlungen wegen des Verdachts der Beteiligung an der Einfuhr einer erheblichen Menge Kokain über den Hafen von Barcelona festgenommen. Gegenstand des Verfahrens war die Einschleusung von rund 200 Kilogramm Kokain aus Südamerika unter Nutzung der Hafeninfrastruktur. In der Folge wurde José Mestre d.Ä. durch ein spanisches Gericht rechtskräftig zu einer Haftstrafe von 9 Jahren und einer Geldstrafe i.H.v. 14,6 Mio. Euro verurteilt.

Christie’s erklärte gegenüber Ghandehari, Eigentümer der betreffenden Werke sei José Mestre d.J., der Sohn. Zugleich teilte man mit, dass der Vater verstorben sei und die Provenienz „völlig unbedenklich“ sei.

Ganz im Geiste der deutschen Renaissance, wie man es vom klassischen Vater-Sohn-Muster der Cranachs kennt, wo Älterer und Jüngerer Seite an Seite in der Werkstatt wirkten scheinen auch José Mestre d.Ä. und sein Sohn José Mestre d.J. ihre Angelegenheiten mit derselben Präzision und Sorgfalt koordiniert zu haben, um die finanziellen Verpflichtungen aus der Verurteilung zu regeln.

Ob Christie’s geheime Provenienzen verschwiegen hat, wird nun nicht mehr in den Schatten des Auktionsgeschäfts verborgen bleiben, sondern vor dem ehrwürdigen High Court of England and Wales entschieden werden. Ein schwankender Stuhl, der zu Stehen beginnt.

Ich verbleibe mit den besten Wünschen.

P. Karger


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