Demian Frank
Das Guggenheim in Bilbao
Schlendert man dieser Tage durch das Guggenheim in Bilbao, kündigt sich bereits bei den ersten Exponaten ein vages Gefühl an der Peripherie des Unbewussten leise an. Spätestens beim letzten Exponat fragt es ganz bewusst: Was ist Kunst? Was ist nicht Kunst? Warum sind all diese Dinge hier? Und warum bin auch ich hier? Ein weites Feld…
Was man auf dem Streifzug durch die zweite europäische Dependance der von US-amerikanischer Industriellenfamilie gegründeten Museumskette erblickt, sind vor allem analoge und digitale Installationen, die sich (vielleicht allein) aufgrund ihrer Renommee verleihenden Situiertheit als Moderne Kunst bezeichnen lassen dürfen. Nachdem der Besucher meterhohe, von Worthülsen durchlaufene, Digitalsäulen hinter sich lässt, wandelt er unter geschwungenen Leuchtröhren, die auf Suche nach einer ruhmvolleren Existenz dem Sortiment des örtlichen Deko-Discounters entflohen sein könnten. Reicht die mentale Ausdauer bis in die oberste Etage, endet der Besuch damit, vor einer Konstellation aus mit Draht und Klammern verbundener Küchenutensilien inne zu halten.
Kunst liegt im Auge des Betrachters. Mit diesem Gemeinplatz ist der Subjektivität ästhetischen Empfindens zwar Rechnung getragen, doch aus soziologischer Sicht greift er zu kurz. Denn es dürfte nicht nur die Hoffnung auf ästhetische Befriedigung sein, die jährlich rund 1 Millionen Besucher in den schwungvollen Bau am Nervión der baskischen Metropole (sowie weitere Millionen in zahlreiche andere renommierte Kunstmuseen) ziehen lässt. Was also veranlasst Menschenmassen eine Ausstellung zu besuchen, die einen, zwar ganz niedlichen, aber hinsichtlich des künstlerischen Wertes doch streitbaren Plastikhund als prominentes Ausstellungsstück exponiert; oder die Böden, Wände und Decken mit Collagen von dispersen Statements plakatiert, die Sozialkritik im Hashtagformat und mit zeichenbeschränktem Reflexionsniveau üben.
Die Triade
Es dürfte eine Vielzahl an Abhandlungen und Schriften geben, die der Frage nachgehen, was Kunst zu Kunst macht, aus denen sich verschiedene kunsttheoretische Standpunkte ableiten lassen. Doch stellt man die Frage danach, was in einer Gesellschaft als Kunst anerkannt, diskutiert und honoriert wird, so ist dies eine Frage, die die sozialen Aushandlungsprozesse um die Gegenstände in den Fokus rücken lässt. Es sind soziale Prozesse, die darüber entscheiden, welche Artefakte menschlichen Schaffens zu aufmerksamkeitsfordernden Objekten in Ausstellungen erkoren werden. Künstler mit Ambitionen nach sozialer Anerkennung sind darauf angewiesen, ihre Werke in der Kunstwelt zu positionieren. Dass hierfür nicht nur – vergleichsweise vielleicht sogar erstaunlich wenig – künstlerische Fertigkeiten vonnöten sind, zeigt die Ausstellung des Guggenheim in Bilbao entlarvend deutlich. Schnell gedeiht die Einsicht, dass ein Großteil der Exponate kaum auf über Dekaden entwickelte künstlerischen Fertigkeiten seines Erschaffers angewiesen war. Was im Guggenheim ausgestellt wird – Plastikhund et al. – entscheidet man übrigens in New York. Die lokale Kunstszene profitiert, entgegen anfänglicher Hoffnungen, von dem Ende der 90er Jahre eröffneten Museum nicht.
Was sind die Interessen von Museum, Künstler und Besucher, die diesem triadischen Verhältnis Stabilität verleihen? Ein Verhältnis dessen Produkt der Besucher ist, der mit respektvoller Haltung und demonstrativer Neugier um Exponate wandelt, die jener Tiefe entbehren, die er in ihnen zu suchen geneigt ist. Die Museumsleitung bietet Künstlern durch ihre Ausstellungsfläche garantierte Aufmerksamkeit, mithin Renommee und beruflichen Erfolg. Das Museum generiert durch seine hohen Besucherzahlen Einnahmen. Und der Besucher? Dieser tauscht ökonomisches Kapital gegen kulturelles Kapital, nicht selten in der Hoffnung auf ein wenig soziales Kapital durch Zurschaustellung kultureller Distinguiertheit – „ach ja, das Guggenheim, eine famose Ausstellung!“
Welche Kriterien der Gegenstand erfüllen muss, der in der Ausstellung zum Kristallisationspunkt dieses Dreiergespanns werden kann, darüber darf in Andacht an tulpomanische Zeiten trefflich sinniert werden. Denken wir also beim nächsten Museumsbesuch doch gerne auch einmal an die sozialen Prozesse, die Kunst zu Kunst werden lassen. Und daran, dass wir trotz aller Aufmerksamkeitsökonomie auch unserem eigenen ästhetischen Empfinden vertrauen dürfen – vielleicht führt uns dieses ja in ganz andere Ecken jener Städte, die die großen Museen beherbergen.
Das Schlusswort gehört Harry Cullum, Jackson Pollocks Nachbar, der diesen einst in seinem Atelier besuchte:
I was a little bit surprised when I first went in there. There’s this guy, he formed right out of his mind on the canvas this so-called painting that’s laying on the floor. And he had a card table with all these littles jars of different color paint. So, he’s slopping around there, barefoot in the paint, and he just takes the jars of paint and he just throws them on the paint, and he staggers around there, and he’s still walking in it, you know, the wet paint. But some of the jars slipped out of his hand and the broken glass sort of got mixed in too. And then his feet started to bleed and it didn’t seem to make any difference, he’s still slopping around in the paint, in the blood, in the glass.
And this thing was supposed to been a painting when he’s got done. But myself after becoming a professional drunk on my own, then I could see where he was painting all of this stuff, the different thoughts that he had. But when you really get that drunk your mind sort of does wander in circles and I guess anything looks good at that point.
And that was supposed to been a great painting that he done, and I think he probably sold it for a million dollars now… but at the time I wouldn’t give 10 cents for it and I still wouldn’t.

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